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BE_8614: Riss zu Bildscheibe «Malcho Papo» (Malchus Papst)
(GBR_London_VAM_BE_8614_768px)

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Titel

Riss zu Bildscheibe «Malcho Papo» (Malchus Papst)

Art des Objekts
Masse
24.6 x 19.3 cm
Künstler:in / Hersteller:in
Lando, Hans Rudolf · signiert
Datierung
1607
Standort
Inventarnummer
E. 3689-1923
Forschungsprojekt
Autor:in und Datum des Eintrags
Marion Gartenmeister 2023; Sarah Keller 2024

Ikonografie

Beschreibung

Im Mittelbild kämpfen links der Heilige Petrus und rechts ein Papst um einen Schlüssel. Petrus hält den Schlüssel mit seiner rechten Hand und hat seine andere zu einem Schlag erhoben. Der Papst hält das andere Ende des Schlüssels und hat seine linke Hand zu einem Schwur erhoben. Hinter ihm sitzt eine Teufelsfigur den Krummstab haltend. Zu Füssen Petrus liegt ein geschlossenes Buch. Die beiden Figuren sind x-förmig angeordnet und überschneiden den Beschlagwerkrahmen. Die Szene gewinnt auf diese Weise an Dynamik.
Im Ornamentrahmen eingelassen ist unten eine leere Inschriftentafel mit einem leeren Wappenschild in der Mitte. Die obere Kartusche trägt eine Inschrift mit der Beschreibung der Szene und die Jahreszahl 1607.
Auf dem Ornamentrahmen steht unten rechts der Name von Hans Rudolf Lando. Unterhalb des Risses, ausserhalb der Randlinien findet sich eine Erläuterung zum Bildinhalt.
Der Zeichnung ist in dicken, schwarzbraunen Tintenstrichen gezeichnet und mit Hellgrau bis Dunkelgrau laviert. Spuren der Vorzeichnung sind erkennbar.

Iconclass Code
11H(PETER)0 · der Apostel Petrus, erster Bischof von Rom; mögliche Attribute: Buch, Hahn, (umgekehrtes) Kreuz, Krummstab mit drei Querbalken, Fisch, Schlüssel, Schriftrolle, Schiff, Tiara - ein männlicher Heiliger, der in einer Gruppe dargestellt ist
11P3111 · Papst
Iconclass Stichworte
Inschrift

MAL[C]HO PAPO Hie lieber Christ. Hie sichstū freÿ wie gar vngleicher Züg Es seÿ zwisch[en] Herrn petters vnd sim verwalther Der papst der sich nempdt sin stadthalter gib im ein wackers das in die drenfache kappen bot (?) faltt 1607 (in der Inschriftenkartusche oben in Dunkelbraun)
HRLando 1607 (auf dem unteren Rand der Kartusche rechts in Dunkelbraun) / sh 14 (darunter in hellbraun)
sh14 (in der rechten Ecke in Hellbraun)
Dem Bapst vnd sinen mittgesellen / Dienedt der Schlüssel zū der Hellen / Sanndt petter und den apostlen gemein / Dienedt der Schlüssel zūm Himmell heim. (unterhalb der Randlinien in Braun)

Signatur

HRLando 1607

Materialien, Technik und Erhaltungszustand

Technik

Feder in Dunkelbraun, graubraun laviert; Spuren der Vorzeichnung in grauem Stift.

Erhaltungszustand und Restaurierungen

Wasserzeichen nicht bestimmt.
Randlinien. Am oberen und linken Rand beschnitten. An den Rändern an mehreren Stellen Ausbrüche und Risse.
Auf der rechten Seite Federspuren. Stark fleckig.

Entstehungsgeschichte

Forschung

Der vergebliche Kampf des Papstes um den Schlüssel zum Himmel wird in den beiden kurzen Beischriften erläutert. Aus diesen wird deutlich, dass sich das Motiv gegen das Papsttum richtet und in den Zusammenhang von reformatorischem Gedankengut zu stellen ist (vgl. Hasler, 2019, S. 86–87; Bergmann & Hasler, 2018, S. 36). Die Überschrift «Malcho Papo» setzt sich zusammen aus Papst und Malchus. Malchus war der Diener des Hohepriesters und hat bei der Gefangennahme Christi diesem das Ohr abgeschnitten (Tanner, 1984, S. 265; Hasler, 2019, S. 86–87). Diese Mittelszene kopiert, seitenverkehrt wie Hasler und Bergmann festhalten (2018, S. 36), einen Holzschnitt zu einem Flugblatt mit einem Spottgedicht auf das Papsttum (vgl. dazu Hasler, 2019, S. 86–87; Schneider, 1956, S. 161). Das Flugblatt mit dem Titel «Malchopapo» erschien 1577 und der Urheber des Spottgedichts war Johann Fischart (Harms & Schilling, 1997, Bd. 7, S. 84). Ein Exemplar befindet sich in der Zentralbibliothek in Zürich (PAS II 14/8; https://doi.org/10.7891/e-manuscripta-91998). Als Urheber des Holzschnittes gilt Tobias Stimmer, der öfter mit Fischart zusammengearbeitet hat (Tanner, 1984, S. 265; Hasler, 2019, S. 86–87; Kauffmann, 1986, S. [10]). Von diesem Flugblatt ist auch die Inschrift in der Kartusche übernommen worden. Ein weiteres Spottblatt von 1551/1600 zeigt ebenfalls den Holzschnitt Stimmers, jedoch mit einem anderen Text; ein Exemplar wird beispielsweise im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg (Inv. Nr. HB 15093, https://objektkatalog.gnm.de/objekt/HB15093) aufbewahrt.
In der Staatsbibliothek in Berlin wird ein fast identischer, um 1600 entstandener Scheibenriss aufbewahrt (Inv. Ya 1397 kl). Er ist weder datiert noch signiert (vgl. Hasler, 2019, S. 88).

Der vorliegende Scheibenriss trägt die Signatur des Berner Glasmalers Hans Rudolf Lando. Da sowohl in der Bildlegende als auch neben der Signatur die Jahreszahl 1607 steht, kann es sich nicht um einen Eigentumsvermerk handeln. Zudem unterscheidet sich die Signatur farblich nicht vom Rest der Zeichnung (vgl. Boesch, 1952, S. 487). Eine ebenfalls lavierte Zeichnung aus dem gleichen Jahr mit derselben Signatur befindet sich in der Sammlung Wyss im Bernischen Historischen Museum (BHM 20036.473, BE_2122).

Datierung
1607

Provenienz

Eigentümer:in

London, Victoria & Albert Museum

Eigentümer:in (strukturiert)
Seit 1923: Victoria and Albert Museum , Inventar-Nr.: E. 3689-1923, Sammlung (Zugriffsdatum: 9.10.2026), London (Vereinigtes Königreich), Kauf
Vorbesitzer:in

1923 vom Victoria & Albert Museum London erworben mit Mitteln aus dem Nachlass Kapitäns Henry Boyles Murrays (1843–1910)

Bibliografie und Quellen

Literatur

Bergmann, U. & Hasler, R. (2018). "Meyd die falschen Lehren schnöd": Reformation und Gegenreformation in der Schweizer Glasmalereien des 16. und 17. Jahrhunderts. In M. Maderyck, I. Lecoq & Y. Vanden Bemden (Hg.), Stained glass in the 17th centruy (S. 33–39). Corpus Vitrearum.

Boesch, P. (1952). Eine antipapistische Zeichnung von 1607, Zwingliana 8/9, 486–489.

Gartenmeister, M. (2019). "Erkauffdt durch mich HRLando", Der Glasmaler Hans Rudolf Lando als Sammler von Scheibenrissen. Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, 76 (3), 51–74, https://doi.org/10.5169/seals-846965.

Harms, W. & Schilling, M. (Hg.). (1997). Deutsche illustrierte Flugblätter des 16. und 17. Jahrhunderts: Bd. 6–7. Die Wickiana: Die Sammlung der Zentralbibliothek Zürich. Max Niemeyer Verlag.

Hasler, R. (2019). Altschweizer Glasmalereien als konfessionelles Propagandamedium. Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, 76(3), 75–100.

Kauffmann, C. M. (1986). Swiss stained glass designs of the Reformation. Exhibition & Catalogue. Victoria & Albert Museum.

Schneider, J. (1956). Vorlagen für das schweizerische Kunstgewerbe: Ein Beitrag zur Geschichte des Einflusses illustrierter Bücher auf die verschiedenen Zweige des Kunstgewerbes in der Schweiz. Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, 16(3), 157–168. http://doi.org/10.5169/seals-164174.

Tanner, P. (1984). Flugblätter. In Tobias Stimmer, 1539–1584. Spätrenaissance am Oberrhein. Ausst.-Kat. Basel Kunstmuseum 23.09.–9.12.1984 (253–273). Basel.

Vorlage

Tobias Stimmer, Flugblatt Malchopapo, [Strassburg]: [Bernhard Jobin], 1577

Bildinformationen

Name des Bildes
GBR_London_VAM_BE_8614_768px
Fotonachweise
© Victoria and Albert Museum, London
Link zum Originalfoto

Zitiervorschlag

Gartenmeister, M., & Keller, S. (aktualisiert) (2024). Riss zu Bildscheibe «Malcho Papo» (Malchus Papst). In Vitrosearch. Aufgerufen am 19. Oktober 2026 von https://vitrosearch.ch/objects/2722109.

Informationen zum Datensatz

Referenznummer
BE_8614