Nom

Leu, Heinrich

Variantes du nom
Löuw, Heinrich
Dates de naissance et de décès
1528 – bis 1578
Auteur·e et année de rédaction
Sarah Keller 2016; Sibylle Walther 2026
Lieux avec objets
Données biographiques

Seit Mitte der 1550er-Jahre in Aarau ansässig, schuf dieser in seiner dortigen Werkstatt unter anderem auch einen Teil der Scheiben für den Kreuzgang des Klosters Muri. Diese Zuschreibung ist der Forschung von Rolf Hasler zu verdanken und basiert auf dem Stilvergleich mit einer, mit dem Künstlermonogramm "HL" versehenen Masswerkverglasung, wohl aus dem Kreuzgangnordflügel (Hasler, 2002, S. 25–26), die heute im Sammlungszentrum Egliswil des Museums Aargau aufbewahrt wird (AG_440).
Im Gegensatz zu den 38 Werken Egeris, dem Hauptmaler im Kreuzgang Muri, sind die übrigen Glasgemälde aus dem 16. Jahrhundert durch keine Schriftquelle dokumentiert. Umso wichtiger ist die von Germann gewonnene Erkenntnis, dass der häufig vorkommende Damastgrund – ein Muster mit Nelken, Vasen und geflammten, herzförmigen Blättern – fast immer auf der gleichen Schablone basiert (Germann, 1967, S. 402). Somit lassen sich 29 der gesamten 76 Scheiben Leu zuschreiben, (wobei eine davon aus seinem seinem Umfeld stammt). Sie gelangten als zusammengehörige Werkgruppe von 1555 bis 1569 in den Kreuzgang Muri.
In offensichtlicher Anlehnung an Egeri sind die Glasgemälde dieser Werkstatt flächig, heraldisch streng und repräsentativ gestaltet. Geradezu altmodisch muten die genannten Damasthintergründe an, die jeder Scheibe einen Grundton verleihen, auf den die anderen Farbklänge abgestimmt sind. Zu den wenigen von diesem Grundraster abweichenden Arbeiten gehört die dreiteilige Fensterstiftung von St. Blasien, die den künstlerischen Glanzpunkt der ganzen Gruppe bildet (AG_258–AG_260). Dass die hier zur Diskussion stehende Werkstatt in technischen Belangen jener Egeris in nichts nachsteht, bezeugen das perfekt gehandhabte Ausschliffverfahren auf der St. Blasianer-Figurenscheibe (AG_259) sowie ihr Verhältnis zu den Schmelzfarben, von denen sie wiederum die blaue in zwei Varianten zur Anwendung bringt (vgl. AG_234). Im Umgang damit zeigt sie sich allerdings keineswegs derart moderat wie Egeri, sondern geradezu experimentierfreudig, tritt doch auf verschiedenen ihrer Scheiben blaues Email bereits grossflächig in Konkurrenz mit blauem Überfangglas (AG_234, AG_239, AG_242, AG_253). Als Ausdruck ihrer technischen Experimentierfreude ist auch der im Kreuzgangsüdarm auf mehreren Wappenscheiben und Masswerkbildern vorkommende bräunlich-grüne Farbauftrag zu werten (AG_247, AG_262/264 und alle Masswerke des Südarms – AG_249, AG_253, AG_257, AG_261, 265, 269), der sich in einigen Fällen eindeutig als Kaltbemalung zu erkennen gibt (AG_247, AG_249, AG_253). Im Vergleich mit den von klassischer Einfachheit geprägten Arbeiten Egeris eignet den Scheiben dieser Werkstatt zudem eine gewisse Kleinteiligkeit. Gleichzeitig lassen viele davon in der Detailausführung und Körpermodulation jenes Höchstmass an Feinheit und Präzision vermissen, wie sie für Egeri typisch sind. Kennzeichnend dafür sind die oft strähnigen Gewandfalten und die glatten, etwas spröde wirkenden Gesichter, die verschiedene Figuren kennzeichnen (Hasler, 2002, Abb. 19/20). An der Herstellung dieser stilistisch nicht völlig kongruenten Werkgruppe war zweifellos mehr als eine Hand beteiligt. Dem mit ihrer Ausführung betrauten Meister und seinen Mitarbeitern ist es aber bestens gelungen, die einzelnen Stücke über alle Unterschiede hinweg kompositionell und koloristisch einheitlich durchzugestalten. Gleich wie Egeri muss jener an der Bemalung der Scheiben intensiv mitgewirkt haben. Bestimmt von ihm selbst stammen beispielsweise die vielen in die Bogenzwickel gesetzten, kleinfigurigen Miniaturbildchen in Grisailletechnik, die nur in Nahsicht voll gewürdigt werden können (Hasler, 2002, Abb. 21/22). In ihnen bricht ein unbändiges Zeichnertalent durch. Eine offensichtlich an Buchillustrationen geübte Hand, die nicht kopiert, sondern frisch von der Leber weg zeichnet, fliegt hier mit skizzierender Feder über das spröde Glas, schattiert mit feinem Pinsel und hinterlegt wirkungsvoll mit Silbergelb.
Seit Franz Wyss' Untersuchung von 1940 wird dieser anonyme Meister hauptsächlich mit dem aus Bremgarten gebürtigen Glasmaler Hans Füchslin in Verbindung gebracht (Wyss, 1940; Germann, 1967, S. 368–369; Anderes, 1974, S. 43–52). Die Vermutung, dass sich hinter ihm ein anderer, bedeutenderer Glasmaler verbirgt, ist um so begründeter, als sich mit dem besagten Künstlermonogramm «HL» auf einer der heute im Sammlungszentrum Egliswil des Museums Aargau aufbewahrten Bogenfüllungen ein solcher namhaft machen lässt. Beim betreffenden Bogenfeld handelt es sich allem Anschein nach um das seinerzeit in Aarau befindliche Stück, auf dem Lehmann «im ornamentalen Rankenwerk ganz unscheinbar die Initialen J. U. eingeflochten» zu sehen meinte. Zu dieser verfehlten Interpretation kam Lehmann ganz offenkundig deshalb, weil er das Masswerkfragment in Aarau seitenverkehrt vor Augen hatte und die Initiale «H» fälschlicherweise als «U» las (Abb. 24b) (Lehmann, 1897, S. 23; Germann, 1967, S. 369).
Von den namentlich bekannten Glasmalern, die damals im Zürcher und Aargauer Raum sowie in der Region der Inner- und Ostschweiz ihr Handwerk ausübten, kommt als Träger des Monogramms HL als einziger Heinrich Leu (1528–1577/78) aus Zürich in Frage (Ganz, 1902, S. 194–198). Dort hatte sich sein aus der Stadt Baden gebürtiger Grossvater, der Maler Hans Leu d. Ä. (um 1460/1507), 1488 niedergelassen. Heinrichs Vater war der Glaser und Glasmaler Jakob Leu (1495–1538) und sein Onkel der angesehene Maler und Zeichner Hans Leu d. J. (1490–1551). Über Heinrichs Lehrjahre ist nichts bekannt. Da ihm sein jung verstorbener Vater als Lehrmeister nicht mehr zur Verfügung stand, ist es aber durchaus möglich, dass er einen Teil seiner Ausbildung bei Carl von Egeri absolvierte. Ende der 40er-Jahre, nachdem er sich vermutlich eine Zeit lang in der Fremde aufgehalten hatte, arbeitete er in Zürich als Glaser und Glasmaler für den Rat und die Zunft «Zur Meise», die ihn ebenso wie Egeri zu ihren Mitgliedern zählte. Zwischen 1554 und 1557, also just zu jener Zeit, als Abt Johann Christoph in Muri das Projekt der Kreuzgangverglasung ins Rollen brachte, siedelte er nach Aarau über, wo er in der Folge als renommierter Zeichner, Maler und Glasmaler bis ans Lebensende sesshaft blieb, ohne dabei die Kontakte zu seiner Vaterstadt je zu unterbinden. Über Leus künstlerische Tätigkeit in Aarau sind wir dank archivalischer Nachrichten recht gut informiert. Wie aus ihnen hervorgeht, fertigte er in seiner dortigen Werkstatt zwischen 1556 und 1576 eine Reihe gut bezahlter Scheiben an, und zwar für einen grossen Kundenkreis, gehörten doch neben der Stadt Aarau auch die Regierungen von Zürich, Bern und Solothurn sowie das Kloster St. Urban und das Stift Beromünster zu seinen Auftraggebern. Weil die meisten dieser Scheiben erst aus der Zeit nach 1564 datieren, liegt die Vermutung nahe, dass sich Leus glasmalerische Tätigkeit in den Jahren zuvor auf das Projekt in Muri konzentrierte.
Einige Leu zugeschriebene Glasgemälde aus den 1570er-Jahren sind archivalisch dokumentiert (Hasler, 2002, S. 238). Weshalb Heinrich Leu ebenfalls als Zeichner gefragt war, machen die flott gemalten Figuren und die von grosser kalligraphischer Könnerschaft zeugenden Ziermotive auf den von ihm stammenden Bogenfüllungen in Lenzburg anschaulich. Die ihm zuweisbaren Mursener Glasmalereien weisen dieselbe zeichnerisch geübte, spontane Künstlerhand auf (Hasler, 2002, Abb. 13 a–e).
In mannigfacher Art sind derartige Figuren und Ziermotive auch auf Glasgemälden in Muri anzutreffen. Einschlägige Beispiele hierfür bieten nicht nur die Wappenscheiben mit den bereits genannten schwungvoll hingemalten Oberbildchen (Hasler, 2002, Abb. 21/22), sondern auch die Masswerkfüllungen im Südflügel. Nicht unerwähnt bleiben darf schliesslich das als eine der ersten Stiftungen nach Muri gelangte Glasgemälde für Niklaus Honegger (AG_264), worauf als Hintergrundmotiv das gleiche feine Spiralrankenmuster auftritt wie auf den beiden Lenzburger Bogenstücken mit den Rohr-blasenden Engeln (Hasler, 2002, Abb. 13d/e). Leus auf vielen Kreuzgangscheiben erkennbare Handschrift bringt klar zum Ausdruck, dass es sich bei ihm nicht um irgendeinen Werkstattgehilfen, sondern um ihren Leiter handelte. Selbstverständlich standen aber auch ihm Mitarbeiter zur Verfügung (Hasler, 2002, S. 35–38).

Lehmann, 1897
Wyss, 1940
Germann, 1967
Anderes, 1974
Hasler, 2002

Bibliographie

Hasler, R. (2002). Glasmalerei im Kanton Aargau: Kirchen und Rathäuser. Lehrmittelverlag des Kantons Aargau.

Proposition de citation
Keller, S., & Walther, S. (actualisé) (2026). Leu, Heinrich. Dans Vitrosearch. Consulté le 19 octobre 2026 de https://vitrosearch.ch/persons/2260239.