Der Riss ist eine Kopie eines heute verschollenen Originals, das wohl zu einer Folge von Standesscheiben gehörte. Das auf dem Kartuschenrahmen eingefügte ligierte Monogramm TS lässt die Vermutung aufkommen, dass es sich um die Kopie einer Vorlage Tobias Stimmers handeln könnte. Darauf weist auch ein identischer Riss im Kunstmuseum Basel von 1580 hin (Basel Kunstmuseum, Inv. U. I. 144). Dieser lavierte und farbig aquarellierte Riss gleicher Grösse (39.4 x 31.4cm) zeigt zwischen den beiden unteren Wappen das ligierte Monogramm STM, das für Tobias Stimmer und Christoph Murer steht. Trotzdem hat Thöne (1936, S. 105) 1936 erste Zweifel daran formuliert, dass die Risse eine Vorlage Tobias Stimmers kopieren würden. Als Beleg hierfür führt Thöne (1972, S. 27) den Entwurf für eine Standesscheibe Uri an, von dem mehrere Kopien erhalten geblieben sind. Eine Kopie befindet sich im Museum Allerheiligen in Schaffhausen (Inv. Nr. B. 950) und wurde vom Monogrammisten HSI 1576 nachgezeichnet. Dieses Blatt zeigt kein Stimmer-Monogramm und lässt sich nach Thöne (1972, S. 27) auf eine Vorlage Felix Lindtmayers d.J. zurückführen. Eine weitere Kopie wird in der Sammlung Wyss im Bernischen Historischen Museum aufbewahrt (BHM 20036.213). Auf diesem Blatt ist zwar, wie Hasler (1996/1997, 2. Bd., S. 110) festhält, das ligierte Monogramm TS zu sehen, es handelt sich hierbei jedoch eindeutig um einen späteren Zusatz. Hasler bestätigt damit Thönes Annahme, dass das Original aus der Lindtmayer-Werkstatt stammen könnte. Auch das Monogramm TS auf dem vorliegenden Blatt hebt sich farblich leicht von den schwarzen Tintenlinien ab. Es ist daher nicht auszuschliessen, dass es sich ebenfalls um einen späteren Zusatz handeln könnte. Damit ist die Vermutung von Thöne, dass es sich auch im vorliegenden Fall um eine Nachzeichnung einer Vorlage Felix Lindtmayers handeln könnte, weiterhin naheliegend.
Die ursprünglichen Entwürfe der Folge mit Standeswappen aus der Werkstatt Lindtmayer lassen sich heute nur noch durch Kopien rekonstruieren. Thöne (1972, S. 27) weist der Folge neben dem vorliegenden Blatt in Weimar und den beiden oben angeführten identischen Entwürfen für eine Standesscheibe Uri in Bern und in Schaffhausen auch einen Riss mit leeren Wappenschilden im Victoria & Albert Museum in London zu (Inv. 1468). Vom vorliegenden Riss sind neben der bereits erwähnten Kopie im Kunstmuseum Basel weitere Nachzeichnungen erhalten (Zürich Schweizerisches Nationalmuseum, AG 11948, München Staatliche Graphische Sammlung, Inv. Nr. 40773 Z).
Für die Datierung des vorliegenden Risses können die Nachzeichnungen der Folge mit Standeswappen hinzugezogen werden. Der Scheibenriss mit dem Standeswappen Uri in Schaffhausen ist 1576 datiert. Zwei Scheibenrisse stammen von 1572, erstens der im Victoria and Albert Museum, und zweitens eine Kopie des vorliegenden Risses im Schweizerischen Nationalmuseum. Die Kopie im Kunstmuseum Basel ist 1580 datiert, fällt aber aus dieser Zusammenstellung heraus, da sie laviert und koloriert ist. Daraus ist zu schliessen, dass die vorliegende Kopie in diesem Zeitraum entstanden sein dürfte.
Auf der Rückseite des Kartons weist eine alte Aufschrift die Zeichnung Melchior Kübler zu. Die Zuweisung stammt aus dem ersten Katalog der Kunstsammlungen des Johann Wolfgang von Goethe (Schuchardt, 1848, S. 273). Ein Glasmaler oder Reisser mit diesem Namen konnte bis jetzt nicht bestimmt werden. Vielleicht ist er verwandt mit Werner Kübler dem Älteren (29.8.1555–1586/87)? Letzterer führte in Schaffhausen eine Glasmalereiwerkstatt (Hasler, 2010. S. 93–95). Nach dem frühen Tod Werner Küblers des Älteren absolvierte sein Sohn mit gleichem Namen bei Daniel Lindtmayer d. J., seinem Stiefvater, die Lehre als Flach- und Glasmaler (Gysel-Köppel, 2013). Werner Kübler d. Ä und Daniel Lindtmayer waren freundschaftlich miteinander bekannt. Hiervon zeugt unter anderem ein Entwurf für eine Freundschaftsscheibe Lindtmayer-Kübler mit dem Urteil Salomos (Berlin, Kunstbibliothek der Staatlichen Museen, Hdz. 1575) (Thöne, 1975, S. 37 u. 184; Hasler, 2010, S. 94). Es wäre folglich denkbar, dass Werner Kübler d. Ä. die Vorlage in der Werkstatt Felix Lindtmayers d. J. kopierte. Dennoch ist zu betonen, dass bisher keine Verbindung zwischen Melchior und Werner Kübler hergestellt werden konnte.
Das Monogramm WF in der Inschriftenkartusche hebt sich durch die braune Farbe der Tinte von der Zeichnung ab. Es ist folglich eher als Eigentumsvermerk und weniger als Künstlersignatur zu deuten. Lehmann ([1945], S. 31) verbindet das ligierte Monogramm WF mit dem aus Zofingen stammenden Glasmaler Wolfgang (Brandolf) Furter. Mit ihm wird ein Scheibenriss aus der Sammlung Wyss (Bernisches Historisches Museum BHM 20036.202, BE_2026) in Verbindung gebracht (Gartenmeister, 2019a und Hasler, 1996/1997, 1. Bd., S. 236). Das Monogramm findet sich als Eigentumsvermerk auch auf anderen Scheibenrissen, zum Beispiel auf einem Riss Niklaus von Riedts (Bernisches Historisches Museum, BHM 20036.737, BE_1999) oder auf einem Entwurf Daniel Lindtmayers von 1571, der im Kunstmuseum Basel aufbewahrt wird (Basel Kunstmuseum Kupferstichkabinett, Inv. 1910.25). Furter ist ab 1578 bis nach 1590 in Bern nachweisbar. Wie er in den Besitz des Blattes kam, kann heute nicht mehr eruiert werden. Die Lebensdaten deuten darauf hin, dass er den Riss vor Hans Rudolf Lando besessen hat. Letzterer, ebenfalls Glasmaler in Bern (1548–1646), erwarb den Riss 1605, wie aus der Beischrift zu entnehmen ist. Lando kaufte in diesem Jahr über 50 Scheibenrisse bei dem Berner Glasmaler Ludwig Koch (1577 – vor 1613) (Gartenmeister, 2019b, S. 56). Ob er das vorliegende Blatt ebenfalls bei Ludwig Koch gekauft hat, kann heute leider nicht gesagt werden, da das Blatt auf einer festen Unterlage aufgeklebt ist.