Recherche
Die Zeichnung wurde erstmals von Stumm (1909, S. 249) mit Niklaus Manuel in Verbindung gebracht. Seither ist die Zuschreibung an Manuel in der Forschung unbestritten (von Tavel, 2017a, Kat. 24).
Das Blatt gehört zu einer Gruppe von fünf unsignierten Zeichnungen, die aus der Anfangszeit des künstlerischen Schaffens Manuels stammen (von Tavel, 2017b; Egli, 2019, S. 24). Sie zeigen alle das gleiche Kompositionsschema mit einem Rundbogen (Basel Kunstmuseum, Kupferstichkabinett, U. VI. 27 und U. IV. 28; Bernisches Historisches Museum, Sammlung Wyss, BHM 20036.7; London, Victoria and Albert Museum, Inv. CG 92 2342). Auch im neuen Œuvrekatalog des Künstlers werden die Zeichnungen als eigenhändige Arbeiten aufgeführt, auch wenn nach von Tavel die Eigenständigkeit nicht eindeutig belegt werden kann (von Tavel, 2017b). So könne nicht entschieden werden, ob der Urheber der Zeichnung auch mit dem Schöpfer des Gesamtkonzepts übereinstimme.
In Zusammenhang mit dieser Gruppe von Zeichnungen stehen zwei Stadtscheiben Burgdorfs, die sich heute in der Kirche in Kirchberg (BE_1228; BE_1229) befinden (von Tavel, 2017a, Kat. 24; Butts & Hendrix, 2000, S. 262). Nach Hasler und Keller hat Manuel die Entwürfe für die beiden Glasgemälde geliefert (Hasler & Keller 2016; Egli 2019, S. 26). Die beiden Halbartiere auf den Glasgemälden präsentieren das Wappen Burgdorf in ähnlicher Weise wie auf der Zeichnung in Paris. Dieses Kompositionsschema ist ausserdem auf Glasgemälden Hans Funks zu finden, wie zum Beispiel in der Stadtscheibe Bremgarten, die im Bernischen Historischen Museum aufbewahrt wird (Inv. BHM 20274; BE_824). Ein ausgeführtes Glasgemälde nach dem vorliegenden Riss hat sich nach heutigem Stand der Forschung nicht erhalten.
Im Oberlicht ist der Kampf zwischen Reisläufern auf der linken und Landsknechten auf der rechten Seite dargestellt. Im Scheitel des Bogens liegt ein gefallener Landsknecht mit einem Andreaskreuz auf dem Rücken als Zeichen des Sieges der Reisläufer über die feindlichen Landsknechte. Die Szene könnte die Eroberung Genuas durch die Eidgenossen im Sold des französischen Königs 1507 evozieren wollen (von Tavel, 2017a, Kat. 24). Die Verwandtschaft dieser Schlachtszene mit den Illustrationsholzschnitten aus der Chronik des Etterlin (Etterlin, 1507, S. LXXIIII) und dem Holzschnitt anonymer Hand von der Schlacht bei Dornach (Zentralbibliothek Zürich, Dornach I,2, https://doi.org/10.3931/e-rara-40092) wurde von der Forschung bereits mehrfach festgehalten (von Tavel, 2017b; von Tavel 2017a, Kat. 24). Obwohl die Holzschnitte weniger lebendig wirken, sieht von Tavel (2017b) genügend viele Übereinstimmungen mit der Szene im Oberlicht des Scheibenrisses, dass er die Frage aufwirft, ob der Scheibenriss und die Vorlagen für die Holzschnitte nicht vom gleichen Zeichner stammen könnten. Butts und Hendrix (2000, S. 262) erkennen im Oberlicht eine Prägung der Kunst Baldung Griens, vor allem in der dynamischen Auffassung der Figuren und der Körper in Bewegung. Als Vergleich führen sie den Scheibenriss mit dem Wappen der Strassburger Familie Pechter im Kupferstichkabinett der Kunstsammlung der Veste Coburg an (Inv. Nr. Z 32).
Das Wappen bezieht sich auf die Familie Manuel aus Bern. Als Träger kommt der Künstler selbst in Frage. Allerdings ist zu beachten, dass sich gemäss von Tavel (2017a, Kat. 24) die Linienführung des Wappens vom Rest der Zeichnung unterscheidet, was darauf schliessen lässt, dass das Wappen als Letztes ausgeführt und später, eventuell nicht von Niklaus Manuel, hinzugefügt wurde. Dies kann als Beleg dafür gelten, dass der Riss für mehrere Scheiben als Vorlage gedient haben könnte.
Die Zeichnung gehört unbestritten zum Frühwerk Niklaus Manuels. Als Grundlage für die Datierung können die oben erwähnten um 1508 gestifteten Scheiben in Kirchberg (BE_1228; BE_1229) dienen.
Schwach ist zwischen den Beinen des linken Reisläufers "HRLando 1605" zu lesen. Die Beischrift ist als Eigentumsvermerk des Berner Glasmalers Hans Rudolf Lando zu deuten. Dieser kaufte 1605 bei seinem Berner Kollegen Ludwig Koch mehr als 50 Scheibenrisse (Gartenmeister, 2019, S. 56). In den meisten Fällen hat Lando den Kauf auf der Rückseite notiert.
Datation
um 1508
Période
1505 – 1514
Commanditaire / Donateur·trice
Manuel (Niklaus, Deutsch?)