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SR_30: Scheibenriss mit der Befreiung eines Gefangenen
(BS_Basel_Kunstmuseum_SR_30)

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Title

Scheibenriss mit der Befreiung eines Gefangenen

Type of Object
Dimensions
31.2 x 18.3 cm
Artist / Producer
Joris, David · zugeschrieben
Dating
um 1555
Location
Inventory Number
U.I.101
Research Project
Author and Date of Entry
Marion Gartenmeister 2023

Iconography

Description

Das Hauptbild zeigt die Befreiung eines Gefangenen durch zwei Männer. Der Gefangene schreitet rechts noch mit den gefesselten Händen durch eine Tür. Er wird von einem Mann empfangen, dem von einem herbeieilenden Mann eine Zange als Hilfsmittel gebracht wird. Letzterer hält ausserdem einen Hammer in seiner linken Hand. Vor den Männern auf dem Boden kniet eine flehende Frau, neben ihr liegen die Fesseln eines bereits Befreiten am Boden. Links im Hintergrund fliehen zwei weitere Männer.
Auf der linken Seite wird die Szene von einem antikisierenden Rundbogen eingefasst. Auf der kannelierten, dorischen Säule steht König David mit dem abgetrennten Kopf Goliaths. Die Mitte des Bogens schmückt ein mit Figuren dekorierter, hängender Schlussstein. Die rechte Seite des Bogens wurde nicht ausgeführt. Unten neben der Basis der Säule ist ein Rollwerkornament eingefügt, das ebenfalls nur bis zur Mittelachse ausgeführt ist. Im rechten, leeren Teil hat Hans Rudolf Lando 1605 seinen Eigentumsvermerk hingeschrieben.
Die Mittelszene ist mit Weiss gehört, während die architektonische Rahmung dunkel laviert ist. Unter der Zeichnung sind Reste einer Vorzeichnung mit schwarzem Stift zu erkennen. Mit Weiss wurde im Nachhinein korrigierend in die Zeichnung eingegriffen. Der Kopf des Putto in der Mitte der Rahmung unten dürfte eine spätere Hinzufügung sein. Zudem ist später an einzelnen Stellen, zum Beispiel links neben dem Schlussstein des Rundbogens, mit schwarzer Kohle das Bleinetz eingezeichnet worden.

Iconclass Code
11V6 · visiting or liberating the imprisoned, 'incarceratus solatur' ~ one of the (seven) Acts of Mercy
71H145 · David with Goliath's head
Iconclass Keywords
Inscription

HRLando 1605 (rechts unten in Hellbraun) (Sammlerstempel des Kunstmuseums Basel)
Erkauffdt von Ludwig Koch durch mich HRLando 1605 Jars (verso)

Signature

keine

Materials, Technique and State of Preservation

Technique

Feder in Schwarz, grau laviert, weiss gehöht, auf stellenweise grau und hellbraun getöntem Papier, Korrekturen mit Weiss, Reste einer Vorzeichnung mit schwarzem Stift, Bleilinien.

State of Preservations and Restorations

Kein Wasserzeichen.
Vertikal- und Horizontalknick. Randlinien links und unten.
Fest auf Passepartout festgeklebt. Spätere Korrekturen in Weiss. Braune und schwarze Flecken. Ausbrüche an den beiden oberen Ecken und am unteren Rand.

History

Research

Die Zeichnung wurde von Koegler (1928–1930, S. 181–182) dem aus den Niederlanden stammenden und in Basel unter einem Pseudonym lebenden Glasmaler David Joris zugeschrieben (vgl. Mensger, 2012, S. 93). Er stützte sich dabei hauptsächlich auf stilistische Elemente, wie den engen Raum, die massigen Bauglieder, die stark axiale Zentralperspektive und die körperliche Figurenauffassung. Die Komposition folgt einem auf die Spitze gestellten Dreieck, wie sie auch in anderen Joris zugeschriebenen Zeichnungen zu finden ist, zum Beispiel auf dem Scheibenriss mit der Anbetung der heiligen drei Könige der Sammlung Wyss im Bernischen Historischen Museum (BHM 20036.274, SR_1). Grundlage für die stilistische Zuschreibung bildet ein in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe (Inv. Nr. VIII 2727) überlieferter Scheibenriss, der auf der Rückseite eine Beischrift trägt, welche die Zeichnung als eigenhändiges Werk David Joris' ausweist (Karlsruhe Staatliche Kunsthalle Inv. VIII 2727) (Mensger, 2012, S. 94).
Koegler hat den Scheibenriss erstmals mit drei weiteren Zeichnungen (Kunstmuseum Basel U. I. 100, SR_29; Weimar Staatliche Kunstsammlungen Inv. Nr. 144 und Zürich Kunsthaus Inv. 1938.59, BE_9425) in Verbindung gebracht. Die vier Zeichnungen gehören wohl zu einer Folge mit den Werken der Barmherzigkeit (Koegler, 1928–1930, S. 182; Ganz, 1966, S. 23–24). Drei davon waren darüber hinaus in Besitz des Berner Glasmalers Hans Rudolf Lando (vgl. Gartenmeister, 2019). Die vier Blätter der Folge sind in den Formaten identisch, wobei das Blatt in Weimar an den Seiten beschnitten ist (vgl. Koegler, 1934, S. 136). Weiter sind sie alle, mit Ausnahme des Blattes in Zürich, auf getöntem Papier mit dunkler Lavierung und Weiss gehöht gezeichnet. Sie stehen stilistisch auch dem Scheibenriss mit der Anbetung der heiligen drei Könige in der Sammlung Wyss im Bernischen Historischen Museum (SR_1) oder mit dem Scheibenriss mit der Darstellung der Ehebrecherfalle in der gleichen Sammlung (BHM 20036.254) nahe. Das zur Folge gehörende Blatt im Kunsthaus Zürich (Inv. Nr. 1938/59, BE_9425) und die Zeichnung mit der Anbetung der heiligen drei Könige im Bernischen Historischen Museum (SR_1) sind 1555 datiert. Die vorliegende Zeichnung dürfte im gleichen Zeitraum, kurz vor dem Tod Joris‘ 1556, entstanden sein.
Joris hat in Basel nur noch gelegentlich künstlerisch gearbeitet, da er sich dort als Adliger niederliess (Mensger, 2012, S. 94). Die zur Basler Zeit entstandenen Zeichnungen dürften daher wohl kaum mit einem konkreten Auftrag für Glasgemälde in Verbindung stehen. Die Lebensbeschreibungen von Joris, verfasst von seinem Schwiegersohn Nicolaus Blesdyck, schildern, dass Joris wohl eher zu seinem Vergnügen gezeichnet habe (Mensger, 2012, S. 93; Ganz, 1966, S. 23). Wie Mensger (2020, S. 146) jedoch festhält, sind auf dem vorliegenden Blatt sowie auf dem mit dem Trösten der Kranken (Kunstmuseum Basel U.I.100, SR_29) im Nachhinein Bleilinien aufgezeichnet worden. Zudem befanden sich die Blätter ab 1605 in Besitz des Berner Glasmalers Hans Rudolf Lando (Gartenmeister, 2010, S. 67–68). Wie Mensger (2020, S. 146) richtig hervorhebt, kann daraus nicht nur geschlossen werden, dass die drei Zeichnungen in Glasmalerwerkstätten zirkulierten, sondern auch, dass sie tatsächlich für die Umsetzung in Glasgemälde gedacht waren.

Dating
um 1555
Period
1540 – 1556

Provenance

Owner

Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett

Previous Owner

Bis 1605 Ludwig Koch, Bern (1577 – vor 1613) · ab 1605 Hans Rudolf Lando, Bern (1584–1646) ·
im 17. Jahrhundert Remigius Faesch, Basel (1595–1667) · ab 1823 Kunstmuseum Basel

Previous Owner (structured)
From [year of reception unknown] until 1605: Koch, Ludwig, Bern (Switzerland)
From 1605 until 1646 (c.): Lando, Hans Rudolf, Bern (Switzerland)

Bibliography and Sources

Literature

Ganz, P. L. (1966). Die Basler Glasmaler der Spätrenaissance und der Barockzeit. Basel/Stuttgart: Schwabe & Co.

Gartenmeister, M (2019). "Erkauffdt durch mich HRLando", Der Glasmaler Hans Rudolf Lando als Sammler von Scheibenrissen. Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, 76 (3), 51–7, https://doi.org/10.5169/seals-8469654.

Koegler, H. (1928–1930). Einiges über David Joris als Künstler, Jahresberichte der Öffentlichen Kunstsammlung Basel 25–27, 156–201.

Koegler, H. (1934). Eine Glasgemälde-Visierung von David Joris in Weimar, Anzeiger für Schweizerische Altertumskunde NF 36, 136–139.

Mensger A. (Hg.) (2020). Lichtgestalten: Zeichnungen und Glasgemälde von Holbein bis Ringler. Kunstmuseum Basel; Basel u. München: Hirmer.

Mensger, A. (2012). Die Scheibenrisse der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. 2 Bde. Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag.

Image Information

Name of Image
BS_Basel_Kunstmuseum_SR_30
Credits
Kunstmuseum Basel
Link to the original photo
Copyright
Public Domain

Citation suggestion

Gartenmeister, M. (2023). Scheibenriss mit der Befreiung eines Gefangenen. In Vitrosearch. Retrieved October 20, 2026 from https://vitrosearch.ch/objects/2722120.

Record Information

Reference Number
SR_30